Additive Synthese wirkt auf den ersten Blick komplizierter als subtraktive oder FM-Synthese, ist aber genau genommen ein sehr logischer Ansatz: Aus vielen einfachen Bausteinen entsteht ein komplexer Klang. In dieser dritten Folge deiner Reise durch die Welt der Synthesen schauen wir uns an, wie additive Synthese funktioniert, warum sie kreativ so spannend ist und welche Synthesizer dieses Prinzip heute nutzen – von Vintage-Hardware bis zu modernen Software-Instrumenten.
Stell dir Klang wie ein Puzzle vor. Bei der subtraktiven Synthese startest du mit einem vollen Bild und schneidest mit Filtern Teile weg. Bei der additiven Synthese ist es genau umgekehrt: Du setzt das Bild Stück für Stück zusammen. Die einzelnen Puzzleteile sind Sinuswellen, also die einfachsten denkbaren Schwingungen ohne Obertöne.
Jede komplexe Wellenform – ob Sägezahn, Rechteck oder ein realistisch wirkender Orgel- oder Glockenklang – lässt sich als Summe vieler Sinuswellen mit unterschiedlichen Frequenzen, Lautstärken und Phasenlagen beschreiben. Genau das nutzt die additive Synthese: Sie erzeugt mehrere Sinus-Oszillatoren, sogenannte Partials oder Teiltöne, und mischt sie zu einem Gesamtklang. Je mehr Partials du zur Verfügung hast, desto feiner kannst du den Sound modellieren.
Für dich als Musiker bedeutet das: Statt nur „heller“ oder „dunkler“ mit einem Filter zu regeln, kannst du sehr gezielt einzelne Frequenzbereiche gestalten und damit Klangfarben erschaffen, die mit klassischen analogen Konzepten nur schwer zu erreichen sind.
Auch wenn jeder Hersteller seine eigene Oberfläche und Terminologie verwendet, lassen sich typische Bausteine der additiven Synthese gut zusammenfassen:
Im Zentrum stehen die Partials. Jeder Partial ist ein eigener Sinusoszillator mit individueller Tonhöhe, Lautstärke und oft auch eigener Hüllkurve. Viele additive Synths bieten Dutzende bis Hunderte dieser Partials an. Damit kannst du zum Beispiel:
Statt pauschal „Brilliance“ oder „Tone“ zu regeln, formst du die Spektralstruktur deines Sounds extrem präzise.
Spannend wird additive Synthese vor allem dann, wenn sich das Obertongemisch im Zeitverlauf verändert. Viele additive Synthesizer erlauben es, nicht nur die Lautstärke des Gesamtsounds zu modulieren, sondern auch die Lautstärke und manchmal sogar die Tonhöhe jedes einzelnen Partials über Hüllkurven oder LFOs zu steuern.
Damit kannst du etwa:
Diese zeitliche Veränderung des Spektrums ist ein Grund, warum additive Synthese so gut für atmosphärische Pads, Soundscapes und experimentelle Sounds geeignet ist.
Viele additive Instrumente bieten sogenannte spektrale Filter oder Formantfilter an. Statt ein klassisches Tiefpass- oder Bandpassfilter zu nutzen, manipulierst du hier direkt die Verteilung der Obertöne. So lassen sich etwa:
Gerade für Vocal-artige Leads, Chöre oder „sprechende“ Synth-Sounds spielt additive Synthese ihre Stärken voll aus.
Damit du additive Synthese besser in deine Musikproduktion einordnen kannst, lohnt sich ein Blick auf typische Anwendungsfelder. Du musst dabei nicht zwingend tief ins technische Detail einsteigen – oft liefern Presets schon einen guten Ausgangspunkt, den du dann gezielt anpassen kannst.
Additive Synthese ist ein Traum für alle, die gerne breite, lebendige Flächen bauen. Durch viele leicht modulierte Partials entstehen Texturen, die ständig in Bewegung bleiben, ohne dabei unruhig zu wirken. Du kannst ganz subtil einzelne Obertöne modulieren, um ein Gefühl von „Atmen“ im Sound zu erzeugen. Gerade in Ambient, Film- und Game-Musik oder atmosphärischen Intros sorgt das für Tiefe und Dimension.
Weil additive Synthese sich an der physikalischen Zerlegung realer Klänge orientiert, lassen sich Instrumente wie Orgeln, Glocken, Flöten oder Streicher sehr glaubhaft nachbilden. Gleichzeitig bist du nicht auf die Grenzen der Realität beschränkt. Du kannst:
Das Ergebnis sind hybride Klänge, die zwar vertraut wirken, aber dennoch einen eigenen Charakter haben.
Additive Engines eignen sich hervorragend für alles, was „untypisch“ klingen darf. Gerade wenn du in elektronischer Avantgarde, IDM, Glitch oder experimenteller Filmmusik unterwegs bist, eröffnet dir additive Synthese ein breites Spielfeld. Du kannst zum Beispiel:
Solche Sounddesign-Experimente sind mit rein subtraktiven Konzepten oft nur sehr umständlich oder gar nicht realisierbar.
Damit du additive Synthese direkt in deiner Produktion ausprobieren kannst, lohnt ein Blick auf konkrete Instrumente. Viele klassische Synthesizer kombinieren additive Ansätze mit anderen Verfahren, aber einige legen den Schwerpunkt klar auf die additive Ebene.
Ein prominenter Vertreter der additiven Synthese in Hardware ist die Kawai K5000-Serie (K5000S, K5000R). Diese Synths bieten eine hohe Anzahl von Partials pro Klang und umfangreiche Möglichkeiten zur spektralen Modulation. Sie sind bekannt für:
Auch wenn diese Geräte heute eher in der „Vintage“-Ecke zu finden sind, sind sie für Liebhaber charaktervoller Digital-Synthese nach wie vor interessant.
Viele moderne Hardware-Synthesizer und Workstations nutzen zwar nicht ausschließlich additive Synthese, integrieren aber additive oder spektrale Engines. Je nach Hersteller findest du etwa:
Wenn du ohnehin über eine aktuelle Workstation oder einen modernen Flagship-Synth verfügst, lohnt sich ein Blick ins Handbuch – additive Optionen sind oft versteckt, aber mächtig.
Im Software-Bereich ist additive Synthese deutlich weiter verbreitet, weil hier die Rechenleistung für viele Partials kein Problem mehr ist. Einige Beispiele, die sich gerade für Produzenten und Sounddesigner anbieten:
Harmor von Image-Line ist ein beliebtes Plugin, das ein spektrales, stark additiv geprägtes Konzept nutzt. Es erlaubt dir nicht nur klassische Synthese, sondern auch das Re-Synthesizing von Audio, das dann im Spektrum weiterbearbeitet werden kann. Damit sind extrem komplexe, sich entwickelnde Sounds möglich, die trotzdem gut spielbar bleiben.
Razor von Native Instruments setzt ebenfalls auf ein additiv orientiertes Konzept. Es ist bekannt für:
Gerade im Bereich moderner elektronischer Musik, von Techno bis Bass Music, hat Razor viele Fans.
Viele DAWs bringen heute interne Instrumente mit, die additive oder spektrale Engines integriert haben. Beispiele sind:
Alchemy in Logic Pro X ist ein hybrider Synth, der unter anderem additive Synthese und Spektralbearbeitung anbietet. Du kannst eigene Samples importieren, sie in spektrale Bestandteile zerlegen und anschließend mit Hüllkurven, LFOs und Morphing-Funktionen bearbeiten. Das macht Alchemy zu einem extrem flexiblen Werkzeug für Sounddesign, Filmmusik und experimentelle elektronische Musik.
Auch andere DAWs und Plugin-Hersteller kombinieren additive Bausteine mit:
Wichtig ist für dich vor allem: Wenn in der Beschreibung Begriffe wie „additiv“, „spektral“, „Resynthese“ oder „Partial“-Kontrolle auftauchen, steckt in der Regel ein additiver Ansatz dahinter, den du kreativ nutzen kannst.
Vielleicht fragst du dich, wie du additive Synthese konkret in deine Projekte integrierst, ohne jedes Mal tief ins Spektral-Labyrinth abzutauchen. Ein praxisnaher Ansatz kann so aussehen:
So profitierst du von der klanglichen Tiefe der additiven Synthese, ohne deine komplette Arbeitsweise umstellen zu müssen.
Additive Synthese ist kein Ersatz für subtraktive oder FM-Synthese, sondern eine mächtige Erweiterung deines klanglichen Werkzeugkastens. Sie erlaubt dir:
Ob du mit einem Vintage-Kawai K5000 arbeitest, moderne Plugins wie Harmor oder Razor nutzt oder die internen Engines deiner DAW entdeckst: Additive Synthese eröffnet dir neue Wege, deinen eigenen Sound als Musiker zu definieren. Gerade im Kontext dieser dritten Folge deiner Synthese-Serie kannst du additive Konzepte wunderbar mit den bereits behandelten Methoden kombinieren – und so einen unverwechselbaren, persönlichen Klangstil entwickeln.
Der Beitrag Syntheseformen #3 – Additive-Synthese erschien zuerst auf KEYBOARDS / SOUND & RECORDING.
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